Spuren im Schnee

Spuren im Schnee

Es war der Titel meines liebsten Kinderbuches und als junges Mädchen noch immer eines meiner schönsten Vergnügungen: die ersten Spuren im frisch gefallenen Schnee zu gehen. Geradlinig oder verschnörkelt, gehüpft, getanzt oder geschlurft…grenzenlose kreative Freiheit.
Heute hatte ich seit vielen Jahren wieder das erste Mal die Gelegenheit: Ein Schneesturm in den Bergen hat den Schnee unberührt im Wald für mich aufbewahrt. Es ist der Zwischenraum, der mich noch immer fasziniert. Die Tatsache, dass ich meinen Schritt in völlig unbekanntes Terrain setze. Das Alte ist nicht mehr da. Es ist zugeschneit, verdeckt, nie mehr gleich wie zuvor. Wenn der Schnee schmilzt, und das Wasser in die Erde sickert, wird etwas Neues entstehen. Doch auf meinem Weg ist das noch nicht sichtbar. Ich bewege mich im Zwischenraum. Das Gebiet, das ich betrete, wenn etwas Altes zu Ende gegangen ist und etwas Neues noch nicht erblüht ist. Der Schnee lehrt mich zu vertrauen, dass das Neue dort auf mich wartet, unter der Schneedecke, noch im Verborgenen. Es ist das Wissen darum, dass es mein ganz eigener Weg ist, das mir dieses Vertrauen schenkt. Ein Weg, den noch niemand vor mir gegangen ist, braucht meine Schritte um sichtbar und Realität zu werden.

Spuren im Schnee

Wage deinen Kopf
an den Gedanken,
den noch niemand dachte,

wage deinen Schritt
auf den Weg,
den noch niemand ging,

auf das der Mensch sich selber schaffe
und nicht gemacht werde
von irgendwem
oder irgend etwas.

~Friedrich Schiller

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